Die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum ist ungebrochen hoch, doch der Wohnungsbau kommt kaum in Gang. Ursachen sind die stark gestiegenen Kosten und komplizierte Vorschriften. Besonders dramatisch ist die Lage in Amsterdam. „Wenn wir jetzt nichts unternehmen, wird das Problem nur noch größer“, warnt Jeroen Lokerse, CEO des Immobilienberaters Colliers.
In den Niederlanden fehlen rund 400.000 Wohnungen. Im Jahr 2024 werden lediglich 67.000 neue Wohnungen fertiggestellt, während die Regierung 100.000 pro Jahr anstrebt. Laut dem niederländischen Statistikamt ist dies teilweise auf die steigenden Kosten für Grundstücke, Materialien und Arbeitskräfte zurückzuführen. Gleichzeitig stellen strenge Umwelt- und Stickstoffvorschriften zusätzliche Hindernisse dar. „Die Kosten für Neubauten sind in fünf Jahren um 50 Prozent gestiegen“, sagt Lokerse. „Alles ist teurer geworden: von Zement und Stahl bis hin zum Personal.“
Besonders schlimm ist die Lage in Amsterdam. Die Gemeinde und ABF Research gehen davon aus, dass im Jahr 2024 lediglich 5.700 neue Wohnungen gebaut sein werden, während die Zielzahl bei 7.500 liegt. Allerdings steigt die Nachfrage weiterhin, was teilweise auf den Zuzug junger Leute und Expats in die Stadt zurückzuführen ist. „Amsterdam ist und bleibt attraktiv, aber wir können mit der Nachfrage nicht Schritt halten“, sagt Alderman Reinier van Dantzig (Wohnungswesen).
Die Baukosten in Amsterdam steigen schneller als im Rest des Landes. Eine Neubauwohnung kostet heute im Schnitt 8.500 Euro pro Quadratmeter – das sind 10 Prozent mehr als im Jahr 2023. Bei einer 100 Quadratmeter großen Wohnung sind das 850.000 Euro ohne Grundstück. „Bezahlbares Bauen wird unmöglich“, sagt Harold Coenders, CSO bei Colliers. „Gerade Berufseinsteiger und Menschen mit einem durchschnittlichen Einkommen bleiben außen vor.“
Die hohen Baukosten sind nicht nur auf teurere Materialien zurückzuführen. Die Grundstückspreise in Amsterdam sind extrem hoch. Darüber hinaus müssen die Bauträger strenge Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen, beispielsweise gasfreie Häuser und kreislauffähige Baumaterialien. Auch der Mangel an Baupersonal spiele eine Rolle: „Ein Maurer verdient manchmal mehr als ein Lehrer“, stellt Coenders fest.
Immer mehr Bauvorhaben werden verschoben oder gar abgesagt. „Investoren steigen aus, weil die Rechnung nicht mehr aufgeht“, sagt Lokerse. Ein Beispiel ist Haven-Stad, ein Großprojekt in Amsterdam-West mit 70.000 geplanten Wohnungen. Aufgrund von Finanzierungsunsicherheit und schleppenden Genehmigungsverfahren wurde der Baubeginn auf 2027 verschoben. Auch kleinere Projekte, wie etwa der soziale Wohnungsbau in Amsterdam-Zuidoost, liegen auf Eis. „Ohne Neubauten wird der Mangel weiter zunehmen und die Preise werden nur steigen“, sagt Van Dantzig.
Ministerin Mona Keijzer (Wohnungsbau) möchte schneller bauen und sich auf bezahlbaren Wohnraum konzentrieren. Zwei Drittel der Neubauten sollten ihrer Ansicht nach aus Sozialwohnungen oder Mietwohnungen der mittleren Preisklasse bestehen. Doch Kritikern wie Lokerse zufolge ist dies ohne zusätzliche Maßnahmen nicht realistisch. „Wer zahlt die Differenz, wenn der Bau teurer ist als der Ertrag, den ein solches Haus bringt?“ fragt er sich. Er plädiert für Subventionen und eine Lockerung der Umweltauflagen.
Dennoch gibt es hoffnungsvolle Zeichen. So investiert etwa der Chiphersteller ASML in den Bau von 25.000 Wohnungen rund um Eindhoven, um der dortigen Wohnungsnot entgegenzuwirken. Einige Kommunen versuchen, durch flexiblere Bebauungspläne schneller zu bauen. In Amsterdam wird untersucht, ob leerstehende Büros in Wohnungen umgewandelt werden können. Experten zufolge ist dies jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Neue Technologien wie Blockchain und Kryptowährungen könnten möglicherweise dazu beitragen, Finanzierungsprobleme im Wohnungsbau zu lösen. Startups in den Niederlanden experimentieren mit „tokenisierten Immobilien“, bei denen ein Haus in digitale Anteile aufgeteilt wird. Diese Aktien können erworben werden mit Krypto Zoals Bitcoin oder Ethereum. Dies erleichtert es Entwicklern, Kapital zu beschaffen. „Blockchain kann den Wohnungsmarkt gerechter und zugänglicher machen“, sagt der Technologieunternehmer Bas van der Lans.
Die Lage auf dem Wohnungsmarkt ist besorgniserregend. Steigende Kosten, Personalmangel und komplizierte Vorschriften führen dazu, dass immer mehr Neubauprojekte vor allem in Amsterdam zum Stillstand kommen. Gleichzeitig verschärft sich der Mangel an Wohnraum weiter und für immer mehr Menschen wird Wohnraum unerschwinglich.
Es gibt hoffnungsvolle Initiativen wie Unternehmensinvestitionen und technologische Innovationen, aber ohne rasche und strukturelle Maßnahmen wird die Krise anhalten. „Die Zeit des Redens ist vorbei“, sagt Lokerse. „Wir müssen jetzt bauen, sonst wird Wohnen zu einem Luxus, der nur der Elite vorbehalten ist.“
1. Warum stagniert der Wohnungsbau in den Niederlanden?
Aufgrund hoher Kosten, Personalmangel und komplizierter Vorschriften sind die Bauarbeiten zum Stillstand gekommen. Bauträger sind nicht mehr in der Lage, ihre Finanzplanung abzuschließen.
2. Wie ist die Situation in Amsterdam?
Amsterdam baut weit unter seinen eigenen Zielen, während die Nachfrage nach Wohnraum weiter steigt. Die Baukosten sind extrem hoch und machen Projekte unerschwinglich.
3. Sind Lösungen in Sicht?
Ja, unter anderem können Unternehmensinvestitionen, flexiblere Vorschriften und Technologien wie Blockchain helfen. Experten betonen jedoch, dass es rasch struktureller Maßnahmen seitens der Bundesregierung bedarf.